Zahnarzt Tennisball
Illustration: Susanne Binder

Wenn dir der Zahnarzt einen Tennisball in die Hand drückt....

Mein Zahnarzt gab mir beim letzten Besuch die Anweisung, mir doch für das nächste Mal das Handy mit Musik zu bespielen und samt Kopfhörern mitzunehmen. Anschließend bekam ich einen Termin für so eine Wurzelspitzendings. Ich schaute ihn vielleicht ein bisschen verwundert an, hinterfragte den Musikgedanken aber nicht weiter. Ich bin nämlich sehhhr tapfer und Zahnarztbesuche und bohren und derlei ist mir egal. So ziemlich. 

 

Am Abend vor dem Termin bat ich meinen Mann, mir doch bitte ein bisschen Musik auf mein Handy zu spielen. Auf seine Frage „warum“ zuckte ich die Schultern und auf die Frage „was genau“ gab ich lapidar „irgendwas aus den Achzigern" als Antwort. Verwechselte ich aber in meinem Dusel ein bisschen die Achtziger mit den Neunzigern.

 

Mein Mann tat wie ihm geheißen und ich machte mich termingerecht auf zum Zahnarzt. Der ein sehr netter ist. Und sehr lustig. Was wiederum manchmal ein wenig befremdend rüberkommt, weil man nie weiß, ob er nun tatsächlich auf eine Antwort auf seine witzigen Fragen wartet, während man mit Schläuchen und Sauger im Mund etwas gehandikapt ist. Und wenn man dann eine Antwort rausnuschelt lachend von sich gibt: „Leider versteh ich Sie heute so schlecht. Könnten Sie ein wenig deutlicher sprechen?“

 

Darum dachte ich an einen seiner Scherze, als er mir einen Tennisball in die Hand drückte. Ich nahm brav den Ball entgegen und witzelte vorsichtig: „Sollten wir nicht vor dem Match noch eine Wurzelspitzendings erledigen?“ Todernst sah er mich an und erwiderte langsam. „Ja, das sollten wir. Darum der Ball. Falls es sehr weh tut, dann können Sie ihn fest drücken.“ Ich lachte gekünstelt. Er nicht. „Wieso sollte mir das denn weh tun?“, fragte ich vorsichtig nach.

 „Na ja, wenn ich Ihr Zahnfleisch komplett aufschneide und durch den Knochen bohre, damit ich an die drei Wurzeln komme, dann kann es sein, dass die Spritze kurz nicht genug wirkt. Und das tut dann auch Ihnen - glaub ich - ein wenig weh.“

Ich hauchte: „Und die Musik?“

„Ist dafür da, damit sie das Bohren übertönt.“

Jegliche Farbe war aus meinem Gesicht gewichen. Hoffte ich noch kurz auf sein „Haha! Reingelegt!“, merkte ich schnell an seiner Mimik, dass das bitterer Ernst war. 

„ Aber hatte ich nicht schon einmal so ein Wurzelspitzendings und das war harmlos?“,  fragte ich mit verzweifelter Stimme und dem letzten Rest Hoffnung. Er schüttelte den Kopf. „Nein, Sie hatten schon einmal eine Wurzelbehandlung. Das ist etwas anderes und nun setzten Sie sich doch bitte die Kopfhörer auf. So schlimm wird es nicht.“

Ha! Ja, genau!

 

Ich nestelte panisch an den Kabeln herum und stopfte die kleinen Hörer so weit in mein Ohr, dass ich sicher war, sie da niemals wieder herauszubekommen. Dann suchte ich verzweifelt die Musik. Ein Ordner mit der Aufschrift „80er Musikradio“ tat sich auf. Der Arzt nickte mir aufmunternd zu.

Ich drehte auf extrem laut um jegliche Geräusche von außen auszuschalten. 

 

Nun ist es ja so, dass man - wenn man mit offenem Mund in einem Zahnarztsessel liegt, zwar mit einer Hand und ohne etwas zu sehen die Lautstärke regulieren kann, nicht aber die Liederwahl.

 

Der Zahnarzt begann zu schneiden und zu bohren und ich hörte in voller Dröhnung Stevie Wonders „Happy Birthday to you.“

 

Ich war in der Hölle. War mir bis zu dem Zeitpunkt nicht schon übel, spätestens jetzt hätte mein Magen rebelliert. Würde man mich jemals foltern wollen, dieses Lied in Dauerschleife würde mich innerhalb kürzester Zeit lahmlegen.

Ich drehte schweißgebadet den Lautstärkeregler leiser und ein grauenhaftes Bohrgeräusch traf auf meine Gehörmuschel. So ging das auch nicht. Ich drehte wieder lauter und hatte die Qual der Wahl. Ich entschied mich für Stevie und fügte mich meinem Schicksal in der Hoffnung, dass das nächste Lied mich entschädigen würde.

Und irgendwann hörte er tatsächlich auf zu singen. Um gleich darauf Bonnie Platz zu machen, die eine totale Eclipse verkündigte und in mein Ohr krächzte.

Nein, nein, nein!!! Ich wollte diese Art von Musik nicht. Ich quetschte abwechselnd den Tennisball in meiner linken und den Lautstärkenknopf in meiner rechten Hand. Der Schmerz, der mir ins Hirn schoss, war nicht annähernd so groß wie mein Gehörsinn beleidigt. 

 

Ich hoffte auf ein Wunder. Doch resigniert stellte ich bei WMCI fest, dass dieses heute wohl ausbleiben würde und beschloss meinen Mann dafür verantwortlich zu machen und zu Hause aber sowas von anzuschreien. Irgendwer musste schließlich als Sündenbock herhalten. Ich meine, dass mir derartiges nicht gefällt, sollte er nach 10 Jahren Ehe auch schon wissen. Ja, klar. Ich hatte ihn darum gebeten, aber diese Qualen konnten nicht ungesühnt bleiben, nur weil ich selber daran Schuld war.

 

Und bevor das eye of a tiger anfing, war die Wurzelspitzenresektion, wie sie im Fachjargon hieß, auch schon vorbei. Ich erhob mich mühseligst und zittrig aus dem Stuhl, bedankte mich artig und nuschelnd und fuhr nach Hause. Um ein paar Stunden darauf dunkelblau und geschwollen zu sein. 

Gut, dass wir am nächsten Tag auf einer Hochzeit eingeladen waren.

Und gut, dass der junge Mann der mich immer ein wenig anlächelte, zögernd auf mich zukam und ich mir noch dachte: „Sieht der nicht, dass ich verheiratet bin und drei Kinder habe?“

Und gut, dass er einfach nur ganz leise und nur für mich wahrnehmbar fragte: „Du, brauchst du Hilfe? Ich mein, wirst du von deinem Mann eigentlich geschlagen?“ 

Weitere Geschichten findet ihr am Blog der kleinen Botin. Immer freitags. Viel Spaß beim Lesen!!