Leseproben

Ein Auszug aus dem Buch: klein-groß-mittel


Stilldemenz 

 

Angeblich gibt es so etwas wie eine Stilldemenz. Mir persönlich ist das bei den ersten beiden Kindern nicht aufgefallen und mein Umfeld hat mich möglicherweise geschont und mich nicht darauf hingewiesen, dass ich viele Dinge verstrudelt habe. Beim dritten Mädchen bemerkte aber sogar ich die vielen Ungereimtheiten in meinem Alltag. Diese Mischung aus nicht schlafen, viel stillen und noch zwei weiteren Kindern war ausschlaggebend für akute Vergesslichkeit und zunehmende Verwirrtheit.

 

Einmal etwa rief mich um 10 Uhr eine Freundin an und fragte, wo ich denn stecke. Ich hatte komplett vergessen, dass wir ausgemacht hatten, uns genau um diese Uhrzeit im Kaffeehaus zu treffen. Noch dazu hatten wir es um 8.30 Uhr desselben Morgens vereinbart. 

 

Ich war konfus und konnte mich manchmal nach Beendigung eines Telefongesprächs nicht einmal mehr erinnern, mit wem ich gerade geredet hatte. Ich legte Batterien in den Kühlschrank (immerhin blieben sie frisch), bunkerte Salat in der Abstellkammer oder wollte für die Kinder Morgentee machen, doch kam ich nie über das Wasserkochen hinaus. Ich legte die Windel neben das Kind und wunderte mich später, dass das Bett nass war. Ich verwechselte Namen, und das bei Personen, die schon seit Längerem zu meinem engen Bekanntenkreis gehörten. 

 

Mein Mann genoss diese Zeit, denn er war immerso. Er suchte ständig seine Sachen, die er dann an den unvorstellbarsten Stellen wiederfand. Nur: Jetzt konnte er mich dafür verantwortlich machen. Ich konnte nämlich beispielsweise nicht mit Sicherheit sagen, dass nicht ich seine Kappe auf den Badewannenrand zu den Seifen gelegt hatte oder sein Handy in den Kinderwagen. Aus der sehr strukturiert denkenden und bestens organisierten Frau war ein Chaotenbündel geworden, das schon froh war, wenn es beim Verlassen des Hauses an die Windeln und die Feuchttücher für das Neugeborene gedacht hatte. Ich hoffte inständig, dass dieser Zustand nur kurz anhielte und ich bald wieder mein früheres Ich zurückerlangen würde. 

        

 

Meine größere Tochter half mir, wo es ging. Da sie aber wie ihr Vater die Kunst beherrschte, vor gesuchten Dingen zu stehen, hindurchzusehen und zu schreien: „Hier ist es nicht“, war die Hilfe eher mäßiger Natur. Ich verbrachte viel Zeit mit Suchen und Nachdenken darüber, was ich denn gerade suchte. 

 

Den Höhepunkt aber fand das ganze Treiben darin, dass ich einmal mit Sack und Pack mit den Kindern das 

Haus verließ und eine Gasse weiter bemerkte, dass der Kinderwagen leer war. Kommentarlos schleifte ich die zwei größeren Mädchen in die Wohnung zurück, um das Baby zu holen, nur um draufzukommen, dass ich das Baby im Tragesack umgehängt unter meiner Winterjacke natürlich mitgenommen hatte.

 

 

Stilldemenz

 

 

Ein Auszug aus dem Buch: Ein Leben in 23 Tagen


Es war auch verwunderlich, wie ruhig und gelassen ich mich fühlte trotz des Erlebnisses in der Trafik. Ich war nicht mehr panisch, nicht einmal sonderlich beängstigt. Ich fühlte mich ausgesprochen gut. Ich genoss den Spaziergang, dieses Wetter und empfand ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Zum ersten Mal seit Langem.

 

Ich schlenderte bis zu einem kleinen Zaun, öffnete das rostige Eisengitter und stieg auf einen kleinen Hügel hinauf zum dicksten und vermutlich ältesten Baum im gan-zen Park. Ich setzte mich, lehnte mich an den Baum, zog mir Schuhe und Socken aus und streckte meine Zehen Richtung Sonne. Ich atmete tief durch und fühlte wie sich meine Lungen füllten.

Dann nahm ich mein Buch zur Hand und schrieb hoch motiviert auf die erste Seite das Datum: „18. Mai“. Das Jahr ließ ich erst einmal weg.

 

Dann kritzelte ich noch „Im Park“ dazu. Und bevor ich noch eine Zeile hinzufügen konnte, passierte das: Ein Hund in der Größe eines mittleren U-Bootes näherte sich dem Baum und pinkelte mit der Schießkraft eines Hochdruckreinigers auf der anderen Seite dagegen. Gerade als ich aufspringen wollte, hörte ich schallendes Gelächter, das von irgendwo hinter diesem Riesen kommen musste. Ich verrenkte meinen Hals, um zu sehen, wer mich da so verspottete, und sah die kleinste Person, die mir je unter die Augen gekommen war. Kinder ausgenommen. Sie lachte so herzhaft, dass sie sich den Bauch halten musste.

Während ich noch überlegte, ob sie tatsächlich ein Mensch oder vielleicht doch eher eine Elfe oder ein Gnom war, rang sie nach Luft und setzte zu einem Satz an, der unter einer weiteren Lachsalve begraben wurde. Dann gelang es ihr, sich unter Kontrolle zu bringen, sie schaute mich mit riesigen Augen an und stammelte: „Entschuldigung. Konstantin hat Sie nicht gesehen. Aber normal ist das auch nicht, was Sie hier machen!“

 

Sie musste meinen ratlosen Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn sie setzte erneut an und fragte nun etwas lang- samer: „Verstehen Sie mich? Sind Sie von hier?“

 

Nachdem ich sie offenbar noch fragender angeglotzt hatte, immer noch nicht imstande zu verstehen, was sie meinte, begann sie, in – ehrlich gesagt eher mäßigem – Englisch, ihre Worte zu wiederholen, was sich ungefähr so anhörte: „Du je andaständ mi? A ju from hiiieeer?“

 

Da ich von jeher eine Aversion gegen schlecht artikulierte Sprache hatte, schickte ich mich rasch an, auf ihre Frage zu antworten: „Warum sollte ich nicht von hier sein?“

 

Worauf sie etwas dümmlich schaute und meinte: „Na, ich habe eben noch nie einen bloßfüßigen Mann in Designerkleidung in der Hundezone sitzen sehen.“

 

 

 

 

„In der was?“, hörte ich mich fragen. Wurde nun schon die Landschaft aus Platzmangel in Zonen für die einzelnen Lebewesen unterteilt? Oder hatte ich den Krieg der Tiere um die Vorherrschaft auf der Erde versäumt?

 

„In der H-u-n-d-e-z-o-n-e“, wiederholte sie, wobei sie das Wort so in die Länge zog, dass sie keinen Zweifel daran ließ, mich für bescheuert zu halten.

 

„Ich habe Sie akustisch schon verstanden. Nur was, bitte sehr, soll denn eine Hundezone sein?“

 

  „Das sind, wie der Name schon vermuten lässt, die Bereiche im Park, die für Hunde vorgesehen sind. Hier dürfen diese ohne Leine und Beißkorb laufen, ohne dass der Besitzer gleich von irgendjemandem gelyncht wird.“ Und ohne auch nur einmal Luft zu holen, fügte sie grinsend hinzu: „Es ist ebenfalls der Platz, an dem die Hunde ungestört ihr Geschäft verrichten können, ohne dass sich jemand beschwert. Darum die vielen Häufchen, die so dekorativ Ihre Füße umgeben.“

 

Instinktiv zog ich die Füße an und blickte mich um. Sie hatte recht. Überall Hundehaufen in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Auch der Geruch hätte mir schon früher auffallen müssen, denn jetzt war er beinahe unerträglich. Ich fummelte an meinen Socken herum, als sie erneut zu lachen begann.„Wann, bitte sehr, waren Sie das letzte Mal im Park und was machen Sie denn hier?“, fragte sie mich neugierig.

 

„Das eine ist schon so lange her, dass ich es nicht mehr genau weiß, und das andere kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, ich suche mich selbst.“

 

Ohgottogott, wie klang denn das! Ich glaube, ich suche mich selbst! Demnächst suchte ich dann wohl den Engel meines höheren Bewusstseins!

 

„Tja“, meinte sie nur, „da hab’ ich es leichter, ich habe Sie ja schon gefunden, sogar ganz ohne zu suchen.“

 

Diese Antwort überraschte mich, und als ich sie länger betrachtete, fiel mir auf, dass dieses Mädchen eigentlich eine sehr hübsche Frau war. Wie gesagt sehr klein, sehr zierlich, mit kupferrotem kurzem Haar und einem etwas schiefen Mund, der sie aber eher noch entzückender machte.

 

Sie bemerkte, dass ich sie musterte, schaute mich mit einem beinahe süffissanten Lächeln an und sagte: „Ist das mit den Frauen auch so lange her wie mit dem Park? Kommen Sie direkt vom Planeten X oder aus dem Knast?“

 

Ohne etwas zu erwidern und peinlich berührt stand ich auf und wir spazierten nebeneinander aus der Hundezone.